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Aus der aktuellen Ausgabe:

„In Deutsch immer gut“

Willy Nachdenklich ist auf Lesereise und sprach mit dem trend.

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27.04.2018

"In Deutsch war ich immer recht gut"

„Willy Nachdenklich“ ist das Pseudonym eines jungen Mannes, der mit seiner Facebookseite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ über 360 000 Follower generieren konnte, indem er sich mit einer Fantasiesprache voller Rechtschreibfehler über die Fehler anderer Seiten lustig machte. Die Redewendungen „Serwus, I bims“ oder „vong ...igkeit her“ stammen zwar nicht original von ihm, haben durch die Seite aber an Bekanntheit gewonnen und die „Vong“-Sprache mitbegründet. Mit seinem Buch, das 18 Kurzgeschichten in ebenjener Sprache enthält, ist Willy auf Lesereise und macht am 26. Mai Station im Palais Hopp in Kassel. trend-Redakteur Claus Kohlmann erreichte den Franken mit dem „sümbadischen Aggzent“ per Telefon und plauderte mit ihm über seine Ursprünge, das Phänomen an sich und Sprache, so „vong Interwjuigkeit her“.


Wie läuft es bisher mit Deiner Lesereise?

Ziemlich gut. Ich habe seit November schon sicher 50 Lesungen hinter mir, und bis jetzt lief es überall prima. Mal mehr, mal weniger los, aber es gab konstant immer ein gutes Feedback.

 

Das heißt, so Ausreißer wie letztens mit zehn oder 15 Besuchern machen Dir nicht so viel aus?

Natürlich ist es schöner, in einer vollen Location zu lesen, aber ab und an hat man das mal. Der Auftritt war auch tatsächlich der Tiefpunkt (lacht), aber wir hatten auch schon in München knappe 350, das entschädigt dann schon für einiges.

 

Da Du ja Franke bist, habt Ihr tendenziell im Süden mehr Publikum? Oder in Großstädten allgemein?

Bisher war es in den Großstädten eher immer rappelvoll. Aber auch in kleineren Orten hatten wir schon volle Bude. So den richtigen Algorithmus konnte ich da noch nicht erkennen. (lacht) Vielleicht richtet es sich aber auch nach der Location, was für ein Club mit welchem Stammpublikum und so. Zu einer Lesung in einem Theater kommen dann schon eher weniger Leute.

 

Würdest Du sagen, dass Du schon berühmt bist, und bist Du damit auch schon reich?

Berühmt würde ich jetzt nicht sagen. Vielleicht bin ich eher ein Online- oder Internetphänomen. Man kennt mich vielleicht durch dieses „I bims“, aber als Berühmtheit sehe ich mich wirklich nicht.

 

Das heißt, Du musst Deinem Hauptjob weiter nachgehen und kannst noch nicht Deinen Lebensunterhalt davon bestreiten?

Aktuell könnte ich schon, mache es aber nicht, weil das natürlich auch mit Risiko verbunden ist. Ich habe zwar für das nächste Jahr wieder eine Tour geplant. Das geht aber nur, weil es sich prima mit der Arbeit vereinbaren lässt. Für die Lesetage bekomme ich unbezahlt frei, und der Job gibt mir eine Sicherheit. Wäre es anders, würde ich vielleicht unter Druck stehen, immer abliefern zu müssen, und dann würde das Ganze vielleicht auf Dauer zu verkopft. Ich bringe das im Moment ganz gut unter einen Hut und kann ganz frei an die Lesungen rangehen.

 

Apropos verkopft: Deine Seite „Nachdenkliche Sprüche mit Bilder“ wirkt auf den ersten Blick ja gar nicht verkopft. Hast Du trotzdem Regeln, nach denen Du die Sprache verhunzt?

Eigentlich gar nicht. Es hat sich zwar schon so eine kleine Systematik eingeschlichen, wie n und m zu vertauschen, aber ansonsten mache ich das aus dem Gefühl heraus. Es braucht nur ein gewisses Fingerspitzengefühl, wie es sich lustig anhören könnte, aber es dürfen auch nicht zu viele Fehler drin sein. Ich gehe da wirklich eher ohne System ran.

 

Wobei Du ja schon sozusagen geadelt wurdest, weil sich schon Sprachwissenschaftler mit Deinem Phänomen befassen.

(lacht) Ja, da habe ich auch schon von gelesen.

 

Das Institut für deutsche Sprache und der Duden – fühlst Du Dich da geehrt?

Ja, das ist schon interessant, nach dem Motto: Wer hätte das gedacht, dass sich mit so einem Quatsch mal Wissenschaftler beschäftigen? Ein bisschen ehrt es mich natürlich schon. Wäre gelogen, wenn ich jetzt was anderes sagen würde.

 

Entstanden ist Deine Facebook-Seite, als Du im Krankenbett vor Dich hinsiechtest. Hast Du es privat auch so mit Wortspielen?

Ja, Wortspiele habe mir schon immer Spaß gemacht. Ich denke, das ist der ganzen Sache zugute gekommen. Ich habe die Seite eröffnet und sie anfangs nur ein paar Kumpeln geschickt. Dann haben wir herzhaft drüber gelacht, und das war es. Das sollte ja auch nichts Großes werden. Irgendwann haben es die richtigen Leute geteilt, und dann wurde es zu dem, was es heute ist. Ich habe mein Leben lang schon immer gerne Quatsch geredet, das kam dem Ganzen dann natürlich zugute.

 

Also warst Du auch der Klassenclown?

Ja, in der Tat, einer der drei Klassenclowns, definitiv. (lacht)

 

Wie waren denn Deine Deutschnoten?

Ich war eigentlich immer recht gut. In der Abschlussprüfung für die mittlere Reife habe ich mit einer Zwei abgeschnitten.

 

Deine Seite ist ja als Spaß zu verstehen. Ich bin aber am Anfang auch drauf reingefallen, habe sie für bare Münze genommen und mich etwas aufgeregt. Was ist das für ein Gefühl für Dich, so ein Ding abzuschießen, das lustig gemeint ist, und dann haufenweise Anfeindungen zu kassieren?

Anfänglich hat die Seite sogar davon gelebt. Wenn ich sowas in meinem Postfach hatte, habe ich die Leute an der Nase rumgeführt, in der Art der Seite mit denen Konversation betrieben und das dann teilweise sogar gepostet. Das hat die Seite ausgemacht. Die Leute, die es verstanden hatten, haben sich dann köstlich drüber amüsiert. Ohne solche Anfeindungen wäre es vielleicht gar nicht so bekannt geworden.

 

Wenn man etwas in einem sozialen Netzwerk macht, muss man sich sowieso dagegen wappnen, oder?

Ja, auf jeden Fall. Da schreibt ja wirklich jeder Hinz und Kunz seinen Bullshit rein, da muss man vielleicht einfach ein dickes Fell haben. Aber es ist eben nur im Internet. Es ist noch nie jemand persönlich zu mir gekommen und hat mich irgendwie angefeindet. Das muss man differenzieren.

 

Die größte Welle bisher war aber #keinapplausfürwilly, oder?

Ja, genau, das war ein richtiger Shitstorm. Der kam ja da her, dass ich dieses „I bims“ immer in meine Sprüchlein eingefügt habe, und ich in einem dpa-Interview in der Headline falsch zitiert wurde. Da ist dann die Fanbase von Moneyboy (Rapper, Urheber der Redewendung) steil gegangen und hat das auf Twitter ausgelöst.

 

Da ging es darum, dass Du als der „Erfinder“ der „Vong“-Sprache dargestellt wurdest.

Ja, wobei es sich von dem, was Moneyboy macht, schon abhebt. Er bringt zum Beispiel noch dieses „Denglisch“ mit rein. Am Anfang waren eben nur die Sprüche, und dann hat sich das irgendwann selbstständig gemacht. Die Leute haben angefangen, in dem Stil zu kommentieren, und dadurch ist die Sprache in der Community gewachsen.

 

Es wurde auch mal gesagt, dass „Vong“, weil es von Erwachsenen kommt und für Erwachsene mit einem gewissen Sprachgefühl gemacht ist, als Jugendsprache gar nicht taugt. Das ist aber doch total eingeschlagen, oder nicht?

Ja, irgendwie schon. Das ist ganz komisch, ich denke schon, dass es bei der Jugend angekommen ist, weil der Phil Laudé, ein ganz bekannter Youtuber, es auch für sich benutzt und seine Videos komplett auf „i bims“ und „Vong“ aufgebaut hat. Er hat eine wesentlich jüngere Zielgruppe als ich. Dadurch, denke ich, ist es in die Jugendsprache eingeflossen. Meine Zielgruppe sind eigentlich nicht unbedingt Jugendliche. In den Lesungen ist das Durchschnittsalter 25 bis 35. Teilweise kommen auch Leute jenseits der 50, die das einfach kapiert haben und witzig finden. Die Jüngeren hat das vielleicht eher über andere Seiten erreicht, die das von mir aufgegriffen und weitergesponnen haben. Es gibt mittlerweile auch eine Seite, die nur „Vong“ heißt, zum Beispiel.

 

Du hast in Deinem Buch selbst verfasste Kurzgeschichten, Shahak Shapira hat sich die Bibel vorgenommen. Verfolgt Ihr eine ähnliche Schiene oder gibt es Unterschiede im Gebrauch des „Vong“?

Da gibt es definitiv Unterschiede. Mit Shahak Shapira bin ich öfter mal in Kontakt, er hat mir sogar auch sein Buch vorab zum Durchlesen zugeschickt. Und er benutzt eher eine Mixtur aus der denglischen Schiene von Moneyboy und meiner Sprache. Das ist schon ein etwas anderer Stil.

 

Bei den Kapiteln aus der „holygen Bimmbel“, die auf Facebook zu lesen waren, hatte ich auch das Gefühl, dass er viel mehr „echte“ Jugendsprache mit einbaut.

Ja, „Larry“, „sheesh“, „am been“ und „fly“ und so, das findet bei mir eigentlich gar nicht statt.

 

Wie findest Du die „holyge Bimmbel“?

Sehr gelungen. Ich finde Shahak Shapira als Künstler auch ganz witzig, folge ihm auch schon längere Zeit, und er ist ein prima Kerl.

 

Gibt es dann bald mal eine Doppellesung mit Euch beiden?

(lacht) Stand bisher nicht zur Debatte, und ich habe ihn bisher auch leider noch nicht persönlich getroffen. Ich hätte jedenfalls nichts dagegen.

 

Aufgefallen war mir noch, dass aus etwas Lustigem, das nur zur Unterhaltung gedacht war, plötzlich ein Kampf ums Geld wurde. Kannst Du das mal kurz erläutern?

Ja, als wir angefangen haben mit den Touren und auch mit dem Merch, hatten wir so Tassen, auf denen in Variationen „I bims“ draufstand. Letztes Jahr im Sommer kam dann so eine Agentur aus Lünen, die auf den Trichter gekommen war, dass die Jugend ja genau das in den Sprachschatz aufgenommen hat. Und die haben sich dann schützen lassen, dass exklusiv sie T-Shirts, Taschen und Tassen vertreiben dürfen, auf denen „I bims“ draufsteht. Daraufhin wurden dann unsere Sachen, die wir auch bei amazon drinhatten, rausgenommen. Wenn wir uns aber auf einen Rechtsstreit eingelassen hätten, wäre die ganze Leichtigkeit dahin gewesen. Der Ausdruck ist ja nicht mal im Original von mir. Und spätestens, als es zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde, war es ja schon wieder ausgelutscht. (lacht) Ich benutze es auch nur noch ganz selten.

 

 

Wie bist Du denn überhaupt auf die Idee gekommen, aus der Deckung zu treten und auf Lesereise zu gehen?

Das war eine Verkettung von Zufällen. Die erste Lesung hatte ich ja beim Bayerischen Rundfunk. Mit dem konnte ich recht gut, und die hatten eine Lesereise durch Bayern mit Nachwuchsschriftstellern veranstaltet. Zum Finale dieser Tour wurde ich gefragt, ob ich zu dem vorgegebenen Thema nicht auch was schreiben und dort vortragen wollte. Da hatte ich Lust drauf, weil ich eh schon Kurzgeschichten geschrieben hatte. Und dann bin ich mit dieser Nasenbrille das erste Mal aus dem Internet rausgetreten. Da wusste ja keiner, wer dahinter steckt. Ich habe also gelesen, das ist auf YouTube gelandet und viral gegangen. Daraufhin haben sich dann ein paar Verlage gemeldet, ob ich nicht Lust hätte, daraus ein Buch zu machen. Und dann kam auch noch ein guter Bekannter von mir, der eine Booking-Agentur hat, mit der Frage, ob ich nicht Lust hätte, auf Lesereise zu gehen, wenn das Buch dann erschienen ist. Das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht, das ganze mal vor Publikum vorzutragen, weil es doch was völlig anderes ist, ein persönliches Feedback zu bekommen, als Likes auf Facebook. So ist das entstanden.

 

 Wie bist Du auf diese absolut unfassbar großartige Maskierung gekommen?

Das war auch wieder Zufall. Bei uns war gerade Fasching, und ich wollte einfach bei meiner ersten Lesung nicht gleich mein Gesicht präsentieren. In einem Spielwarenladen gab es dann für einen Euro diese Nasenbrille. Was dämlicheres habe ich auch nicht gefunden. So eine Nasenbrille ist ja wirklich das Unlustige in Person. Das passte super, und jetzt ist es halt so geblieben, so eine Art Markenzeichen.

 

Musst Du, wenn Du Deine Texte vorträgst, auch manchmal selber lachen?

Teilweise ist das so, ja. (lacht) Wenn ich zum Beispiel eine Geschichte lese, die ich schon ganz lange nicht mehr gelesen habe, und dann irgendwas vorkommt, an das ich gar nicht mehr gedacht habe, und das auch noch so blöd ist, dann lasse ich mich schon mal vom Publikum anstecken.

 

Hast Du auch den Weg ins Fernsehen schon geplant?

Geplant nicht. Wenn es mal eine Anfrage geben sollte, könnte es schon sein. Kommt drauf an, für welches Format. Ich lasse einfach auf mich zukommen, was aus den Lesungen noch so wird.

 

Wie sieht es denn mit Deiner Freizeit aus? Hast Du welche, und was machst Du dann?

Durch die ganzen Lesungen ist es natürlich schon ein bisschen rarer gesät, aber wenn ich tatsächlich Freizeit habe, dann fahr ich ab und an gerne zum Pokern. Ich wohne relativ nahe der tschechischen Grenze, und da ist eines der in Europa bekanntesten Casinos für Poker. Ansonsten mache ich das Übliche: Mit Freunden treffen, weggehen und so. Ein signifikantes Hobby habe ich nicht, dafür nehmen die Seite und die Lesungen zu viel Zeit in Anspruch. Aber eigentlich sehe ich das noch als Hobby und nicht als Arbeit.

 

Und hier kommen die letzten beiden Fragen: Wen würdest Du gerne mal treffen?

Den habe ich schon getroffen: Ich bin großer Helge-Schneider-Fan, und den habe ich tatsächlich bei einer Lesung mal getroffen. Das war Wahnsinn. Er ist sowas wie ein  Vorbild, und ich denke, von seiner Humorrichtung ist bei mir  auch etwas mit eingeflossen. Ich verfolge das, was er macht, schon, seit ich acht bin.

 

Wen würdest Du auf gar keinen Fall auf einer einsamen Insel mit dabeihaben?

(aus der Pistole geschossen) Die Sportfreunde Stiller. (lacht) Die finde ich furchtbar, das thematisiere ich auch ab und an in meinen Texten. Das ist so überhaupt nicht mein Ding und ich mag die Musik einfach so gar nicht. (lacht)